Ingrid Reichel
WER IST HIER DAS GRÖßERE ARSCHLOCH?
GENIE & ARSCHLOCH
Hg. Manfred Chobot
Licht- und Schattenseiten berühmter Persönlichkeiten.
Anthologie.
Wien: Molden Verlag, 2009. 280 S.
ISBN 978-3-85485-234-6
Der Autor Manfred Chobot lud verschiedene Autoren und Autorinnen zu einem äußerst
spannenden Thema ein. Dabei mussten sie sich eine berühmte Persönlichkeit
aussuchen und deren schlechte Charakterzüge durchleuchten. Was denn nun ein
Genie ausmacht, oder ob ein Genie auch zwangsläufig ein Arschloch sein muss,
ob womöglich einer oder eine, der oder die sich nicht arschlochmäßig
benimmt, es gar nicht zum Genie bringt? Wolfgang Müller-Funk sinniert in
seinem Vorwort „Das Arschloch des Genies“ über die Entzauberung
des Letzteren. Ein feiner Humor weht über den Seiten. Oder ist es gar Schadenfreude?
Die Conclusio auf S. 29 lautet schließlich: „Man kann ein Arschloch
sein, ohne ein „wahres“ Genie zu sein. Das dürfte bei aller Vorsicht,
die man im Umgang mit moralischen Urteilen walten lassen sollte, der Normalfall
sein.“ Das Ende des klassischen Genie-Kults bezweifelt der bekannte Literatur-
und Kulturwissenschaftler. „Mit dem Ende des Genies ist ihm jedoch eine
geniale Rechtfertigung abhanden gekommen, jene stillschweigende Inanspruchnahme
einer Sondermoral, die mich von jenem kategorischen Imperativ enthebt, wie er
nur für die normalen, nicht-genialen Menschen gilt.“
Der Mensch lebt nicht alleine und so kann man nur durch seine unmittelbare Umgebung
die tatsächliche Größe eines Genies in Zusammenhang mit seinem
sozialen Verhalten wahrnehmen. Es sind die Partner, die Familien, die Freunde,
die Kollegen, die Anhänger und Mäzene, die dem Kreativen seinen Schöpfungsakt
erst ermöglichen. Die Sehnsucht nach Anerkennung und Liebe führen zu
Verlustängsten. Mit den zwischenmenschlichen Beziehungen beginnen die Rivalitäten
und die Intrigen. Neid und Ellenbogentechnik sind die Folge. Ganze Regime werden
zu Verratsaktionen genutzt, um Kontrahenten auszuschalten. Eine traurige Bilanz
der Menschheit, besonders, wenn sie auf Menschen mit höchstem geistigen Niveau
– den von der Gesellschaft ernannten Genies - zutrifft. Manfred Chobot fasste
14 wunderbare Essays zu diesem Buch zusammen.
Die Journalistin und Autorin Judith Gruber-Rizy beschreibt nicht nur die hoffnungslos
leidenschaftliche Affäre zwischen Wassily Kandinsky und Gabriele Münter,
sondern auch seinen Neid und die Angst vor dem Talent einer Frau, welches er zu
vernichten wusste. Dass bekannteste Arschloch unter den Genies mag wohl Pablo
Picasso sein. Die Literaturwissenschafterin und Kunstgeschichtlerin Erika Kronabitter
konzentriert sich auf seine Familie, vorzugsweise auf die Unterdrückung,
der sein Sohn Paulo ausgesetzt war und die Suizide seiner vielen Frauen. Die Musikwissenschafterin
Friederike C. Raderer erklärt, dass Wagner nichts von Loyalität wusste,
während der Journalist Helmut Rizy die Unkollegialität Johannes Brahms
gegenüber Anton Bruckner und seinem Schüler Hans Mott ins Visier nimmt.
Die meisten ausgewählten Persönlichkeiten kommen jedoch aus dem Bereich
der Schriftstellerei: über Katherine Mansfield und ihre gestörte Beziehung
zu ihrer Freundin Ida Baker, sowie von den vielen gesellschaftlichen Eskapaden
des intellektuellen Paares Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre klatscht und
tratscht die Literaturwissenschaftlerin Charlotte Ueckert; über Ernest Hemingways
Ängste und Tötungsfantasien schildert die Autorin Mechthild Podzeit-Lütjen;
um die Versklavung der Frauen durch Bert Brecht geht es im Beitrag der Journalistin
und Fotographien Hilde Schmölzer; Arno Schmidt wird als Hochstapler von dem
Autor und Privatgelehrten Carl-Ludwig Reichert aufgedeckt; den umstrittenen Richard
Billinger und seine Plagiate nimmt Herausgeber Manfred Chobot selbst unter die
Lupe; während der Antisemitismus von Franz Stelzhammer Thema von Ludwig Laher
ist, wagt der Rechts- und Staatswissenschafter Rolf Schwendter einen ungleichen
Vergleich zwischen Arthur Rimbaud und Claire Goll, wobei er bewusst auf ihrer
beiden Genius verzichtet einzugehen; von Gottfried Benns Ambivalenz gegenüber
dem Faschismus weiß der Journalist Tobias Hierl zu berichten und über
die Verleumdungen des Karl Valentin gegenüber dem Filmemacher Walter Jerven
an die Nazis wegen eines Gagenstreits schreibt die Buch- und Hörfunkautorin
Monika Dampfl.
Bleibt nur mehr die Frage zu klären: Will ich überhaupt das Abgrundtiefe
eines Menschen wissen?
Wobei man hier erwähnen muss, dass es sich in diesen Essays um keine neuen
Erkenntnisse handelt. Es ist, wie besprochen, eine Sammlung von nicht nachahmungswürdigem
Verhalten von Menschen, deren künstlerische Leistung wir sehr verehren und
deren Fehltritte wir doch all zu gerne ausblenden. Die Frage ist also noch einmal:
Wird am Ende mit dem Wissen um die teilweise unmoralischen und miserablen Umstände
der Entstehung eines Werkes das Werk in seiner Genialität geschmälert?
Die Frage ist seltsamerweise leicht zu beantworten. Obwohl die moralische Antwort
ein „Ja“ sein sollte, ist die reale Antwort ein „Nein“.
Wir verdrängen weiterhin, buchen Billigflüge, um Pyramiden, Tempeln,
Kirchen, Festungen und Schlösser in touristischen Schwärmen zu besuchen
und verwerfen unser Wissen um Tod und Leid, welche damit verbunden sind. Beim
Anblick der wahren Meisterwerke haben wir noch einen Stöpsel im Ohr und entspannen
uns bei klassischer Musik, lesen die feinste Literatur ganz nebenbei …
Eine Anthologie, die trotz amüsantem Lesevergnügen zu einer durchaus
quälenden Selbstreflexion führt.
LitGes, Juni 2009
Gekürzte Fassung: etcetera Nr. 37/ Schleim, Oktober 2009