Title: Podzeit-Lütjen_Fittiche
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Mechtild Podzeit-Lütjen: Fittiche für Tirza
Texte von Mechthild Podzeit-Lütjen zu Bildern von Leander Kaiser.
Gelesen von Martin Schwab.
Musik: Ensemble F.L.I.P. / Ernst Istler.
Wien: AstorMedia, 2009.
ISBN 9783900277222.
Was hier alles auf zwölf mal zwölf Zentimetern versammelt ist, lässt
sich fast als kleines Gesamtkunstwerk bezeichnen: der Burgschauspieler Martin
Schwab liest Gedichte von Mechtild Podzeit-Lütjen zu Bildern von Leander
Kaiser mit Musik des Ensembles F.L.I.P. Tatsächlich handelt sich es bei der
CD um die Aufnahme einer Lesung mit Musik in der Lutherischen Stadtkirche in Wien.
Die Texte stammen aus zwei verschiedenen Büchern der Autorin: "Allegorien
des Blicks" (Christian Brandstätter Verlag, 2008) und "Dünen.Wächten"
(Verlag Grasl, 2004). Der Bildband "Allegorien des Blicks" entstand
in Zusammenarbeit mit dem Maler Leander Kaiser – das Booklet zur CD ist
mit einigen seiner Bilder illustriert.
Die figurative Malerei Leander Kaisers, von der sich die Autorin inspirieren ließ,
ist laut Booklet ein "Denken in Bildern". Es sind Bilder, die in der
Malweise an den französischen Symbolisten Pierre Puvis de Chavanne erinnern.
Der Mensch steht in aller Schlichtheit im Mittelpunkt. Die Malerei ist schnörkellos
klassisch mit klarer Farbgebung, die Posen sind ebenso wie die wenigen Gegenstände
von Bedeutung, der Hintergrund ist flach und nur wo notwendig ausgestaltet. Die
menschliche Figur ist fast immer eine Frau, einmal zieht sie ein Schiff, dann
sitzt sie auf einer Schaukel, sie rollt einen Reifen, kauert in einem fenster-und
türlosen Gehäuse, steht bekleidet bis zu den Knöcheln im Wasser,
sitzt vor einem sich im Ring drehenden Akrobaten. Während die malerischen
Allegorien von Leander Kaiser eine klare Bildsprache sprechen, sind jene der Autorin
etwas komplizierter. Die Gedichte sind voller ineinander verschachtelter Symbole,
das Spiel mit Allegorien ist überbordend und oft rätselhaft. Die Texte
der Autorin bereichern den Blick auf die Bilder des Tiroler Malers nicht durch
Interpretation, sondern durch eigenständige "Sinn-Bilder".
Von den Gedichten Mechtild Podzeit-Lütjens hat sich wiederum das vierköpfige
Ensemble F.L.I.P. unter der Initiative von Ernst Istler zur musikalischen Begleitung
anregen lassen. "Wie bei der Suche nach dem Roten Faden, der parallel läuft
zum Ablauf der Texte" versteht sich die Musikauswahl von Bach bis Mozart,
die "dem Wort etwas musikalisch Gleitendes" entgegenhalten will (Ernst
Istler). Drei Kunstsparten nehmen somit aufeinander Bezug, was in der Gesamtheit
zu einem vielfältigen Kunsterlebnis wird. So wird es nicht langweilig, die
CD mehrmals zu hören und die inneren Schwerpunkte jeweils anders zu setzen,
die Musik, die Sprache oder das Bild in den Vordergrund zu stellen und den Dialog
Bild-Text, Text-Musik oder auch Musik-Bild zu sehen/hören. Nicht allen Texten
sind Bilder zugeordnet und nicht alle Texte sind Gedichte. "Eine Doline /
Darunter Höhlen sagst du / Gefährlich ist das" lautet das kürzeste
Gedicht, "Nach dem Schlangenweg oder Geduld und Rosen" ist die längste
Erzählung. Zitate von Nelly Sachs, Friederike Mayröcker oder Paul Celan
zeigen die geistige Orientierung.
Zwei Beispiele von Gedichten, die sich auf Bilder von Leander Kaiser beziehen,
seien hier näher eräutert. Dem Bild "Im Gebirge" steht das
Gedicht "Gipfel (in uns gehen)" gegenüber. Ein Mann steht auf einer
Brücke, über das Geländer hängend betrachtet er das tief unten
zwischen Felsen und Bäumen liegende oder strömende Wasser (ob Fluss
oder See lässt sich in dem kleinen Abdruck des Bildes nicht sagen), im Hintergrund
eine Berglandschaft. Mechtild Podzeit-Lütjen nimmt in einigen ihrer Texte
Bezug auf die Berge (insbesondere auf die Rax), wobei sie sich zwischen Bildbeschreibung
und dem Spiel mit bildhaftem Ausdruck bewegt. Im Bild ist jemand, der sich womöglich
in dem tief unten liegenden See widerspiegelt, in Gedanken versunken sein Abbild
betrachtet und "in sich geht" – vielleicht tiefer als das Abbild
es zeigt. Im Gedicht heißt es: "Der Berg Spiegelbild / Zeigt sich ein
zweites Mal / In der Schwarzlacke schroff". Das Spiegelbild des Berges könnte
auch das Innere des Menschen zeigen.
Während die Berggedichte wie das Wandern an und für sich schon leichter
verständlich sind, zeigt sich die Autorin in manch anderen Bildern enigmatischer.
"bau kein gehäuse (oder stilsicher halt verlieren)" erschließt
sich nicht beim ersten Lesen/Hören. Im Bild "Im Gehäuse" kauert
eine nackte Figur in einem fenster-und türlosen Hausgerippe, die Aussicht
zeigt monochromes Blau. Obwohl die Mehrdeutigkeit an Podzeit-Lütjens Sprache
das Reizvolle ist, kann sie auch zu Verständnisproblemen führen. Der
Beginn "das Nackte kommt nicht sehr / zum Tragen es ist bloß Haut"
lässt sich im Zusammenhang mit dem Bild sehen/verstehen, wenn man das Haus
mit der menschlichen Haut in Verbindung bringt und die ungeschützte Bloßheit
als wenig stabil interpretiert. Weiter geht es mit: "die sich noch um das
Unaussprechliche / ihr das Gesicht noch nicht verlieren / lässt und es ist
warm vielleicht / entstieg Kleopatra dem Bade ..." Das in den Arm gestützte
Gesicht der Figur deutet die Autorin auf Gesichtsverlust, wobei die Ironie im
Titel (stilsicher halt verlieren) nicht zur Ernsthaftigkeit des Unaussprechlichen
passt. Erst am Ende: "so ungeschützt so stofflos ohne Fenster / kreuz
und ohne blaue Schale" empfindet man sich wieder ganz richtig im Bild. Unfertige
Zeilen lassen Sinnhaftigkeit offen, spielen mit Bildern, die sich im Geiste vervollständigen
oder auch nicht. Für ein schnelles Darüberlesen sind Podzeit-Lütjens
Gedichte nicht geeignet, weswegen man Martin Schwab auch dankbar für die
Langsamkeit seines Vortrages ist.
Gedichte zu hören wird von der Vergänglichkeit des Augenblicks bestimmt.
Von der Gesamtheit eines Gedichtes bleiben oft nur Spuren zurück: "weil
im Glanz vergeht nur so viel wie sicher ist", "Gedanken werfen keine
Falten mehr", "ziehst aus das Wort mit deiner Stimme" ... und schon
bewegt sich die Stimme fort, die Gedanken bleiben zurück beim Glanz besonderer
Momente.
Silvia Sand
4. August 2010
Originalbeitrag
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